Steuerzinsen - das gilt aktuell

Bernhard Köstler
Zuletzt aktualisiert:
13. Mai 2022
Lesedauer:
7 Minuten
Die schnelle Antwort

Was sind Steuerzinsen?

  • Steuerzinsen sind Zinsen, die das Finanzamt 15 Monate nach Ablauf des Kalenderjahrs, in dem die Steuer entstanden ist, auf Steuererstattungen oder Nachzahlungen erhebt.
  • Das  Bundesfinanzgericht kippt die Steuerzinsen ab 2019. Der neue Zinssatz beträgt  0,15 Prozent statt bisher 0,5 Prozent monatlich. 

Das Bundesverfassungsgericht senkt die Steuerzinsen ab 2019. Welche Auswirkungen das hat, was aktuell gilt und wie hoch die Steuerzinsen nun sind, erfahren Sie hier.

Mit einer Steuersoftware erstellen Sie Ihre Steuererklärung schneller, sicherer und einfacher. Welche ist die richtige für Sie? Steuern.de-Nutzer haben fünf Programme bewertet.

Bleiben Sie informiert:
Steuern.de Newsletter

Die besten Steuertipps und aktuelle Steuerthemen. 6-8 Mal im Jahr kostenlos in Ihr Postfach.

Steuerzinsen des Finanzamts: Was gilt aktuell?

In Steuerbescheiden, die derzeit an Steuerzahler:innen verschickt werden, werden für Verzinsungszeiträume ab dem Jahr 2019 keine Steuerzinsen mehr ausgewiesen. Es fehlen bei Steuernachzahlungen also die Nachzahlungszinsen ab 2019. Dasselbe gilt für Erstattungszinsen. Warum das so ist und wie sich Steuerzahler:innen bei Steuerzinsen am besten verhalten – hier die wichtigsten Informationen.

Bundesverfassungsgericht kippt Steuerzinsen ab 2019

Das Bundesverfassungsgericht musste sich mit der Höhe der Zinssätze der Steuerzinsen für Nachzahlungen für die Jahre 2012 bis 2019 auseinandersetzen. Die Kläger:innen wehrten sich gegen die Wucherzinsen des Finanzamts von 0,5 Prozent pro Monat ab dem 15. Monat nach Ablauf des Steuerjahrs.

Das Bundesverfassungsgericht entschied zu Gunsten der Kläger:innen, stufte aber nur die Steuerzinsen ab 1. Januar 2019 als zu hoch ein und verdonnerte den Gesetzgeber dazu, spätestens bis zum 31. Juli 2022 neue – moderatere – Zinssätze für Steuerzinsen nach § 238 Abgabenordnung in Verbindung mit § 233a Abgabeordnung zu bestimmen.

Aktuelle Steuerbescheide: Keine Steuerzinsen für Verzinsungszeiträume ab 2019

Erhält ein:e Steuerzahler:in aktuell einen Steuerbescheid, berechnet das Finanzamt nur die Steuerzinsen für die Verzinsungszeiträume bis Ende 2018. Das bedeutet im Klartext: Steht das neue Gesetz zu der Zinshöhe für Steuerzinsen, wird das Finanzamt die bisher nicht festgesetzten Nachzahlungszinsen für die Verzinsungszeiträume ab 2019 nachfordern.

 

Beispiel: NachzahlungszinsenEine Steuerzahlerin erhält nach einer Betriebsprüfung im Mai 2022 einen Einkommensteuerbescheid für 2015, der eine Steuernachzahlung von 25.000 Euro zuzüglich 1.375 Euro Solidaritätszuschlag enthält. Zusätzlich werden Steuerzinsen (in diesem Fall Nachzahlungszinsen) für die Verzinsungszeiträume bis Ende 2018 festgesetzt.

 

Folge:  Das Finanzamt setzt im Steuerbescheid 2015 Steuerzinsen in Höhe von 2.625 Euro fest. Diese Nachzahlungszinsen werden folgendermaßen ermittelt:

 

Verzinsungszeitraum 1.4.2017 bis 31.12.2018
Verzinsungsmonate 21
Zinshöhe (21 Monate x 0,5%) 10,5%
Steuerzinsen (25.000 Euro x 10,5%) 2.625 Euro

 

Das Finanzamt hat also für die weiteren 40 Verzinsungsmonate vom 1. Januar 2019 bis April 2022 noch keine Nachzahlungszinsen festgesetzt. Dafür muss jedoch mit einer weiteren Steuernachforderung gerechnet werden.

 

Praxis-Tipp: Rücklagen bildenSteuerzahler:innen sollten unbedingt Rücklagen bilden, wenn höhere Nachzahlungen für ältere Steuerjahre fällig wurden (z. B. nach einer Betriebsprüfung des Finanzamts). Das Gesetz zur Anpassung wird spätestens Ende 2022 in Kraft treten.

 

Anzeige

Neue Zinssätze für Steuerzinsen geplant

Die Bundesregierung hat Ende März 2022 einen Gesetzesentwurf zum „Zweiten Gesetz zur Änderung der Abgabenordnung und des Einführungsgesetzes zur Abgabenordnung“ veröffentlicht. Dieser Gesetzesentwurf enthält den neuen Zinssatz für Steuerzinsen ab dem Verzinsungszeitraum 2019. Statt wie bisher 0,5 Prozent pro Monat soll die Verzinsung 0,15 Prozent pro Monat (das heißt 1,8 Prozent pro Jahr) betragen.

 

Beispiel: Nachzahlungszinsen mit neuem ZinssatzDie Steuerzahlerin in unserem vorangegangenen Beispiel muss mit zusätzlichen Steuerzinsen in folgender Höhe rechnen und dafür finanzielle Rücklagen bilden:

 

Verzinsungszeitraum 1.1.2019 bis April 2022
Verzinsungsmonate 40
Zinshöhe (21 Monate x 0,15%) 6%
Steuerzinsen (25.000 Euro x 6%) 1.500 Euro

 

Die Steuerzahlerin muss mit zusätzlichen Steuerzinsen in Höhe von 1.500 Euro kalkulieren, die das Finanzamt nachfordert. Zum Vergleich: Würde der Zinssatz nach wie vor 0,5 Prozent pro Monat betragen, hätte sie für den Verzinsungszeitraum 5.000 Euro Steuerzinsen zahlen müssen.

Anzeige

Für welche Steuernachzahlungen werden Steuerzinsen fällig?

Steuerzinsen werden nur für die Einkommensteuer, die Körperschaftsteuer, die Umsatzsteuer und für die Gewerbesteuer fällig. Auf den Solidaritätszuschlag sowie auf die Kirchensteuer werden keine Steuerzinsen berechnet.

Gut zu wissen: Fordert das Finanzamt die Steuerzinsen für den Verzinsungszeitraum ab 2019, dürfen die bisher nicht festgesetzten Steuerzinsen nicht zusätzlich verzinst werden.

Gelten die neuen Zinsregelungen auch für erstattete Steuerzinsen?

In der Klage beim Bundesverfassungsgericht ging es zwar um einen Fall zu Nachzahlungszinsen, doch die neue Zinshöhe betrifft leider auch Erstattungszinsen. Das sind Zinsen, die das Finanzamt zusätzlich zu einer Steuererstattung überweist.

In aktuellen Bescheiden sind auch die Steuerzinsen für Steuererstattungen ab dem Verzinsungszeitraum 2019 nicht festgesetzt. Hier winkt nach Verabschiedung des neuen Gesetzes also noch eine nachträgliche Überweisung des Finanzamts. Aber leider nur in Höhe von 0,15 Prozent pro Monat, statt bisher 0,5 Prozent pro Monat.

 

Praxis-Tipp: Prüfen, ob Erstattungszinsen gezahlt wurdenSteuerzahler:innen, die eine Steuererstattung erhalten haben, aber noch keine Steuerzinsen für die Verzinsungszeiträume ab 2019, sollten unbedingt darauf achten, dass das Finanzamt sie nicht vergisst. Zuerst muss aber noch das neue Steuergesetz in Kraft treten.

 

Änderung von älteren Steuerbescheiden

In vielen älteren Bescheiden, die vor dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts ergingen, wurden die Steuerzinsen (Erstattungs- und Nachzahlungszinsen) für die Verzinsungszeiträume ab 2019 bereits festgesetzt. Da die Steuerbescheide aber hinsichtlich der Steuerzinsen nach § 165 Abgabenordnung vorläufig ergingen, werden auch die Altbescheide geändert werden. Das bedeutet in der Praxis:

  • Nachzahlungszinsen: Bisher wurden die Zinsen ab 2019 als zu hoch festgesetzt. Nachdem das neue Steuergesetz zu den Steuerzinsen in Kraft getreten ist, wird das Finanzamt die betreffenden Steuerbescheide automatisiert ausfindig machen und die zu viel bezahlten Steuerzinsen erstatten.
  • Erstattungszinsen: Wer mit einer Steuererstattung bereits Steuerzinsen für Verzinsungszeiträume ab 2019 erstattet bekommen hat, dem wurde zu viel überwiesen, sollte es bei dem geplanten Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat bleiben. Hier wird das Finanzamt einen Teil der erhaltenen Erstattungszinsen zurückfordern.

 

Praxis-Tipp: Einspruch einlegenSobald das neue Gesetz in Kraft tritt, sollten Steuerzahler:innen bei bereits bezahlten Nachzahlungszinsen darauf achten, dass das Finanzamt die Erstattung der bisher zu viel bezahlten Steuerzinsen nicht vergisst. Bei einer automatisierten Suche nach betroffenen Steuerzahler:innen könnte dies schon mal passieren.
Fordert das Finanzamt bereits erhaltene Steuerzinsen zurück, sollte zunächst Einspruch dagegen eingelegt werden. Denn hier bedarf es noch der Klärung durch das Bundesfinanzministerium, unter welchen Voraussetzungen diese Rückforderung zulässig ist.

 

Gelten die neuen Steuerzinsen auch für andere Bereiche?

Die Frage zur Zinshöhe stellt sich natürlich auch bei Stundungszinsen, bei Hinterziehungszinsen, bei Prozesszinsen, bei Aussetzungszinsen oder auch bei der Festsetzung eines Säumniszuschlags, der auch Steuerzinsen enthält.

Die Antwort: Nein, leider hat der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts keine Auswirkung auf diese ebenfalls viel zu hohen Steuerzinsen. Hier müssten eigene Klageverfahren angestrebt werden, wenn Steuerzahler:innen eine Anpassung der Zinssätze anstreben.

 

Praxis-Tipp: Säumniszuschlag? Auf Musterprozess hinweisen!Bei Säumniszuschlägen läuft übrigens gerade ein Musterprozess beim Bundesfinanzhof. Denn werden Steuern nicht pünktlich überwiesen, werden für jeden angefangenen Monat Säumniszuschläge von einem Prozent fällig. Dagegen sollte unbedingt Einspruch mit dem Hinweis auf den Musterprozess (BFH, Az. VII R 55/20) ein Antrag auf Ruhen des Einspruchsverfahrens gestellt werden. Die Chancen stehen gut, dass auch Säumniszuschläge nach unten korrigiert werden müssen.

 


Profilfoto Bernhard Köstler

Bernhard Köstler

Bernhard Köstler ist Dipl.-Finanzwirt, Journalist und Fachbuchautor.

Er ist seit 1991 in der Finanzverwaltung tätig, Oberregierungsrat und Sachgebietsleiter in der Betriebsprüfung.

Finden Sie die beste Steuersoftware

Mit einer Steuersoftware machen Sie die Steuererklärung schneller, sicherer und bekommen mehr Geld zurück. Diese Programme passen zu Ihnen.

zum Steuersoftwaretest

Lohnsteuerhilfevereine und Steuerberater:innen in Ihrer Nähe

In unserem Steuerberaterverzeichnis finden Sie kompetente Hilfe bei schwierigen Steuerfällen.